Das besondere Gut des Kindeswohls

Das Kindeswohl geht uns über alles, wissen Sie! Ich erzähle Ihnen die Geschichte eines Falles, in dem das Gericht bewiesen hat, daß wir auch unkonventionelle Entscheidungen zu treffen gewillt sind, ja, man könnte sogar sagen, gegen den Hausverstand und die landläufigen Vorstellungen von Gerechtigkeit die Kinder in Schutz nehmen.

Es war ein verheiratetes Paar mit mehreren Kindern, darunter ein Bub mit ungefähr Drei. Wie das Schicksal so spielt, war der Frau damals ein Seitensprung passiert, und sie hatte ihrem Mann den unlängst gestanden. Gerade zwei Monate, bevor der Vater des Buben, Sie haben es geahnt, vor Gericht gegangen ist und sein Besuchsrecht verlangt hat. Der Ehemann, ein absolut anständiger Kerl, hat sich entschlossen, den Buben zu adoptieren, ein gewiß ungewöhnlicher aber höchst lobenswerter Akt der verzeihenden ehelichen Liebe. Und für das unschuldige Kind das Beste, was ihm passieren konnte, legalisierte sichere Verhältnisse, unter denen Kindern nun mal am besten aufwachsen, wie wir wissen. Dem Gericht ist allerdings nichts anderes übriggeblieben, als zuerst die Frage der Vaterschaft zu klären und zwar mittels eines DNA-Tests. Der Ehemann hat sich geweigert, eine ritterliche Ehrenhaftigkeit, das man heutzutage selten findet. Dafür  mußte er wegen Mißachtung des Gerichts eine Geldstrafe zahlen und die Vaterschaft des damaligen Liebhabers der Gattin wurde letztlich trotzdem bewiesen. Das ganze hatte sich Jahr um Jahr hingezogen, weil keine der beiden Parteien nachgeben wollte, und Einspruch auf Berufung folgte, was auch dadurch zu erklären ist, daß der Vater des Buben Rechtsanwalt ist. Schließlich  war es voriges Jahr soweit, daß die Klage auf Einräumung eines Besuchsrechts entschieden werden konnte. Der Sohn war inzwischen 15 Jahre alt und wußte nichts davon, daß die Eltern seinetwegen die ganzen Jahre prozessiert hatten, schon gar nicht den Grund dafür. Wie die beiden das durchgehalten haben, ist mir schleierhaft, aber die Elternliebe schafft sowas, sie wollten dem Kind um jeden Preis die bittere Wahrheit ersparen.

Und genau dieser Sichtweise hat sich der Richter angeschlossen und entschieden, daß der Antrag auf Besuchsrecht abgelehnt wird, und zudem den Familienmitgliedern und der Verwandtschaft verboten ist, dem Buben zu sagen, daß sein Vater nicht sein richtiger Vater ist, beziehungsweise wer derjenige ist, der ihn gezeugt hat. Wieder Berufung natürlich, aber die nächste Instanz hat das Urteil bestätigt mit der Begründung, der nun 16-jährige Sohn wäre ernstlich gefährdet, traumatisiert, wie man sagt, würde er die Wahrheit erfahren.

Natürlich kann man einwenden, in zwei Jahren ist der Bub 18, und dann kann ihn kein Gerichtsbeschluß vor der verstörenden Wahrheit mehr schützen. Doch, seien wir ehrlich, geht es nicht darum, das Bestmögliche zu tun, auch wenn dies seine Grenzen hat? Und ist nicht jeder Tag, in dem der Bursche wohlbehütet im Schoß der Familie in aller Unschuld und in ungeteiltem Vertrauen die Liebe seiner Eltern erfahren darf, für sich wichtig und segensreich? Gerade in der Pubertät und in der Adoleszenz, wo die jungen Leute sowieso jeden Halt gebrauchen können angesichts der Anfechtungen durch Drogen, Alkohol und Pornographie, denen sie heute beim Erwachsenwerden ausgesetzt sind, darf man ihre seelische Stabilität nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Und wozu eigentlich? Nur, um den Egoismus eines Mannes zu befriedigen, der in einer ehebrecherischen Affäre seine Geliebte geschwängert hat?

Und wer ist sein wirklicher Vater, der Erzeuger oder derjenige, der ihn aufgezogen hat mit all den Opfern und Sorgen und in dieser Hochachtung gebietenden Großherzigkeit zu seiner Mutter gestanden ist? Man muß sich vorstellen, was dieser Mann auf sich genommen hat mit den mehr als 10 Jahren gerichtlicher Auseinandersetzungen, er hat mit einer Ausdauer und einem Einsatz für dieses Kind gekämpft, wie man es kaum je finden könnte. Ist es nicht das, was einen Vater ausmacht?

Wie einleitend gesagt, das Kindeswohl ist oft nicht leicht zu bestimmen, und Gerechtigkeit sieht manchmal ganz anders aus, als man angenommen hätte, bevor man den einzelnen Fall in die Tiefe auslotet. Doch es gibt engagierte Richter, die den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen, die es als das besondere Gut würdigen, dem gegenüber alle üblichen Erwägungen rechtlicher Natur zurückstehen müssen.

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Quelle: Chicagotribune

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