Nachpfiff 6: Neuer Typ Zwangsehe in Japan

Die Zwangsehe unter dem Radar

Humor ist ja schön und gut, aber es ist darauf zu achten, ob man damit Grenzüberschreitungen setzt, die nicht nur allzu berechtigte Empfindsamkeiten verletzen, sondern auch den gesellschaftlichen Fortschritt denunzieren. Für Kunst und Performance gilt dasselbe. Gendersensibilität ist in allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen das nicht hintergehbare Gebot der Zeit, und Künstlern kommt eine besondere Verantwortung zu.

Wie sollen wir die Zwangsehen ausrotten, wenn unter dem Vorwand von Freiheit der Kunst dafür Propaganda gemacht wird?

Solange die gleichgeschlechtliche Ehe nicht wirklich überall akzeptiert ist, ist es reaktionär, sich ohne Rücksicht auf die Signalwirkung für die breite Bevölkerung, die erst einmal abzuholen ist, unterschiedslos auf das Prinzip “Gleiches Recht für gleiche Liebe” zu beziehen und nach der Homoehe die virtuelle einzufordern, um die patriarchalen Zwangsstrukturen der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben.

Gerade in Japan, wo die Gleichstellung der Frauen noch in den Kinderschuhen steckt, darf es keine Toleranz für Aktionen geben, die das Thema Zwangsehe tabuisieren. Die Männerbünde beherrschen seit Jahrhunderten die japanische Gesellschaft, und die Frauen sind nicht viel mehr als Dienstboten und Geishas. Kaum irgendwo hat das Patriarchat so brutal in den Seelen der Frauen und Mädchen den geringsten Funken von Selbstachtung im Keim erstickt wie in dieser martialischen Kultur.

Zaghafte Ansätze der Befreiung und erste Erfolge sind zwar zu verzeichnen, aber der Weg zu einem würdevollen Leben für die japanischen Frauen und Mädchen ist noch lang.

Gerade erst wurde mit den neuen Scheidungs- und Unterhaltsgesetzen ein bedeutsamer Sieg der Frauenbewegung errungen, der es den Ehefrauen, die jahrzehntelang auf sich allein gestellt sich um Kinder und Haushalt kümmern mußten und den Ehemann nur als zu bedienenden Schlafgast zu Gesicht bekamen, ermöglicht, sich von ihnen zu trennen, ohne in die Armut abzurutschen.

Die sprichwörtlichen klebrigen “nassen Blätter” der pensionierten Ehemänner, die sich ihr Leben lang für nichts als ihre Arbeit, ihren Betrieb und ihre Kollegen interessiert haben, versuchen dann zuhause eine hierarchisches patriarchales Regiment einzurichten und sind so unselbständig, daß sie mit sich nichts anzufangen wissen und mit ihrer aufdringlichen Anhänglichkeit den Frauen das Leben zur Qual machen.

Die Ehe war von Anfang an nichts anderes als eine Zwangsehe im schlimmsten Sinn und wurde mit der Pensionierung des Ehemannes zu einer reinen Tortur. Es gab für die Frauen kein Entrinnen, weil sie keine Ausbildung und keine Berufserfahrung hatten und keinen Anspruch auf angemessenen Unterhalt im Falle der Scheidung.

Es ist nicht schwer, sich auszumalen, wie eine in der Offensichtlichkeit der Fabrikation des Gesamtgeschehens versteckte Form der Zwangsehe, wie sie die Performance von Sal9000 darstellt, eben deshalb, weil sie als bloß symbolisch und ironisch kommentierend inszeniert ist, unter dem Radar der kritischen Reflexion bleibt.

Die Entmündigung der Frau ist in die Dimension des provokativen Entgrenzens von materieller und virtueller Realität so selbstverständlich als dramaturgisch notwendig eingewoben, daß die Metaebene des Geschlechterrollenverhältnisses  bestenfalls innerhalb des Mitvollzugs der Ironie thematisiert werden kann.

Nichts aber entwertet und entmächtigt die emanzipatorische Kritik mehr als die scheinbar harmlose und unschuldige Subordination unter einen normativen Kontext von Humor und satirischer Unterhaltsamkeit.

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