Nachpfiff 11: Unterhaltsgewalt gegen Mutter

“20 Minuten online” berichtet von einem leuchtenden Beispiel edlen Rittertums:

Reine Willkür: Prostituierte muss nicht mehr bezahlen

(…)

Eine Frau wurde mit Scheidungsurteil vom September 1995 verpflichtet, dem Vater der gemeinsamen Kinder monatliche Unterhaltsbeiträge zu entrichten. Weil die Frau diese Unterhaltsbeiträge nur verspätet oder grösstenteils überhaupt nicht bezahlt hat, eröffnete die Aargauer Justiz ein Verfahren wegen Vernachlässigung der Unterhaltspflichten. Die Frau wurde vom Aargauer Obergericht in zweiter Instanz zur Zahlung einer Geldstrafe von 3600 Franken verurteilt.

Noch alles sachlich, und man kann sich freuen, daß es nach Gerechtigkeit in der Behandlung von Eltern durch die Gerichte aussieht. Kommt aber nicht in die Tüte. Wo bliebe denn der Frauenbonus? Weiß das Obergericht nicht, daß wir stolz darauf sind, Frauen nachzusehen, was wir Männern ankreiden?

Das Bundesgericht stört sich insbesondere am Vorwurf des Obergerichts, die Prostituierte hätte angesichts ihrer freien und flexiblen Arbeitszeit bei gutem Willen einen Verdienst von 3000 Franken erwirtschaften können. Damit verlange das Obergericht indirekt, dass sie ihre Tätigkeit im Sexgewerbe hätte ausbauen und intensivieren müssen.

Ja, und? Wäre sie Teilzeitkellnerin, wär es genauso. Das ist die übliche Praxis der Gerichte, wenn es um Väter geht. Einer, der sich darauf beriefe, er arbeite freiwillig nur Teilzeit, fände nicht das geringste Verständnis. Vätern wird nicht nur apriori Vollzeitarbeit abverlangt, sondern oft sogar zugemutet, zwei Jobs zu machen, wenn es sich mit einem nicht ausgeht, die regelhaft auf der Basis von freien Anspruchsphantasien festgesetzten Alimente zu bezahlen. Sie nennen das “Anspannung” der Väter.

Eine solche Argumentation ist laut Bundesgericht mit Blick auf das Recht der persönlichen Freiheit und der sexuellen Selbstbestimmung bereits an und für sich heikel.

Mit dem “Recht der persönlichen Freiheit” verlassen wir den Boden der Gleichbehandlung, sofern es sich auf die “Anspannung” zur Vollzeittätigkeit bezieht. Mit dem Hinweis auf das der “sexuellen Selbstbestimmung” springen wir in den Abgrund der grotesken Kavaliereske.  Wenn Sex als Arbeit definiert ist, gibt es den Gesichtspunkt der sexuellen Selbstbestimmung nicht mehr. Er ist so unangebracht, wie es der Verweis auf die kommunikative Selbstbestimmung eines Teilzeitangestellten in einem Callcenter wäre oder auf die künstlerische Freiheit eines Teilzeitrestorateurs im Museum. Weil sich die Bundesrichter der Lächerlichkeit des Argumentes bewußt sind und ebensogut wie jeder Journalist und Leser wissen, daß sie damit nur der öffentlich propagierten Mode folgen, “das Frauenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung” zur Stimmungsmache für das Extrawürstebraten für Frauen anzuführen, machen sie mit gleich drei zusätzlichen Entschuldigungen weiter, warum eine Mutter ihre Pflichten gegenüber den Kindern nicht erfüllen muß, wenn sie keine Lust dazu hat:

«In Anbetracht der konkreten Verhältnisse, drogensüchtige Frau ohne Berufsausbildung, die ihre Tätigkeit nicht aus freien Stücken aufnahm, muss die Argumentation des Obergerichts schlichtweg als unhaltbar bezeichnet werden», heisst es im Urteil.

Drogensüchtig zu sein hat sie nicht daran gehindert, soviel zu arbeiten, daß sie für sich genug hat, aber würde sie daran hindern, soviel zu arbeiten, daß es sich auch für die Kinder ausgeht? Das gleiche gilt für den Umstand, daß sie keine Berufsausbildung hat. Dazu kann man überhaupt nichts anderes sagen als: “Na und?”. Supermarktkassiererinnen sind in der gleichen Situation. Kellnerinnen ebenso. Und ein großer Anteil aller, die manuell arbeiten, ist nur angelernt. Von den Sparten des freien Gewerbes gar nicht zu reden.

Witzig und im Kontext zynisch wird es mit der Behauptung, daß sie ihre Tätigkeit nicht aus freien Stücken aufgenommen hätte. Ach so, wurde sie wie im patriarchalen Gentlemanwahn ständig entgegen den untersuchten Fakten behauptet, von einem Zuhälter mit Prügel und gefährlichen Drohungen dazu genötigt? Und wenn des Bundesgericht das als Tatsache anführt, wurde schon die Strafverfolgung des Täters eingeleitet? Schließlich hält er sie doch noch immer fortlaufend unter so einem Druck, daß sie sich nicht aufzuhören traut mit der unfreiwillig begonnen Tätigkeit! Oder ist es eine Bordellchefin, eine Agenturchefin?

Oder meint das Bundesgericht, die konkreten Verhältnisse sind die Täter der Nötigung zur Prostitution, eben die Drogensucht, also eine Täterin, dann – und beinahe hätte ich es übersehen, es sind vier Entschuldigungen für die arme Mutti – das konkrete Verhältnis ihres Geschlechtes, sie ist nämlich eine Frau, wohlgemerkt, und Frauen sind von allem Schwierigen und Mühsamen immer besonders betroffen. Fragen sie die UN, die EU, Amnesty International, die Caritas, White Ribbon oder die lokale Frauenministerin oder Gleichstellungsbeauftragte, wie die Frauenbeauftragten inzwischen heißen!

Das sind ein weiblicher Nötiger, ein sächlicher, das Geschlecht nämlich, und nun zum dritten: die nichtvorhandene Berufsausbildung, eine Nötigerin, oder aber der Mangel an Berufsausbildung, endlich ein männlicher Nötiger, das schickt sich auch wegen der Gleichstellung der Schuldhaftigkeit. Somit eine gendergerechte TäterInnenschaft unter den nötigenden konkreten Verhältnissen: die Drogensucht, das Geschlecht, der Mangel. Zu dritt sind sie schuld an der Unfreiwilligkeit der Tätigkeitsaufnahme im freien Gewerbe Prostitution.

Manchmal wäre ich gern Richter, zumindest Bundesrichter oder Verfassungsrichter. Da kann man noch ein ein echter Kavalier und Gentleman sein und wie die edlen Ritter von früher bedürftige Mütter vor brutalen Verhältnissen retten, die  Moral des Volkes stärken und die Peiniger Mores lehren, diese Fratzen und ihren Vormund, die das dreifach fremdbestimmte Opfer schamlos mit ausbeuterischen Ansprüchen quälen.

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