Rechtspopulisten-Chefinnen verwirren Presseleser

Die Presse schreibt heute:

Rechtspopulisten-Chefin bereut “Ausdrücke”

Indes bereut die Chefin der rechtspopulistischen “Fortschrittspartei”, Siv Jensen, angesichts des Doppel-Terroranschlags “einzelne Ausdrücke”, die sie im Wahlkampf vor zwei Jahren gemacht hatte. Jensen spezifizierte nicht, welche Ausdrücke sie damit meint. Der vermutlich meistzitierte Sager Jensens von damals war jener von der Gefahr einer “schleichenden Islamisierung” Norwegens.

Unter den Opfern der Anschläge war auch eine Jensens bekannte Person. Die Rechtspopulisten-Chefin sagte in einem TV-Interview, jetzt gebe es die Zeit für Trauer. Sie glaube, die Anschläge vom 22. Juli hätten bereits jetzt die Art und Weise der Politik ihrer Partei in punkto Einwanderungsdebatte beeinflusst. Dennoch werde die Partei auch in Zukunft “keine unbequemen Diskussionen scheuen”.

(…)

Jensen wurde für ihre reumütigen Aussagen postwendend von aus dem Nachbarland Dänemark kritisiert. Die Chefin der einwanderungsfeindlichen “Dänischen Volkspartei”, Pia Kjaersgaard nannte Jensens Reue in einem Interview mit der Tageszeitung “Politiken” “schrecklich” und eine “ganz, ganz falsche Entscheidung”.

Also was jetzt? Wer soll sich da noch politisch korrekt orientieren können?

Die Chefin in Norwegen ist eine der Partei, die sich dadurch auszeichnet, daß sie etwas einzuwenden hat gegen die Einwanderung von Leuten aus islamischen Ländern. Die Chefin der Partei in Dänemark, die so vehement etwas dagegen einzuwenden hat, daß sie laut Presse nicht nur beispielsweise als einwanderungskritisch sondern gleich als einwanderungsfeindlich zu bezeichnen sei, und die außerdem es schrecklich findet, wenn die andere heftige Worte zum Thema bedauert, die ist keine Rechtspopulisten-Chefin? Während diejenige Chefin, die den populistischen Stil ihrer rechten Politik zur Frage der Einwanderung bedauert, im Artikel dreimal nacheinander als solche bezeichnet wird? Damit nun wirklich keiner mehr was anderes in den Kopf kriegen kann als das Schimpfwort “rechtspopulistisch”.

Was, zum Kuckuck, macht die zahmere Chefin und Partei zu Rechtspopulisten, was die wildere vermissen läßt, um die Beschimpfung zu verdienen?

Ich hab’ bisher geglaubt, ich soll glauben, wer sich mehr oder weniger unhöflich gegen die islamische Einwanderung ausspricht, heißt Rechtspopulist im Vornamen, und je grober er sich äußert, desto rechter und populistischer ist er, vielleicht sogar ein Rechtsrechtspoppopulist.

Das einzige, was mir jetzt noch einfällt, ist, daß Frauen, wie eine Linkspopulistin mir unlängst ohne Widerspruch seitens einer anwesenden Mittepopulistin öffentlich erklärte, Hirn und Hintern haben. Vielleicht hat die Dänin einen weniger attraktiven, dann wäre sie auch weniger populistisch, weil das Männervolk nicht so leicht in Konsens mit ihren hirngenerierten Wertexpressionen geriete. Wenn man der martialischen Chefin Partei einwanderungsfeindlich aber nicht rechtspopulistisch nennen soll, dann muß erstere einem allerdings ganz arg leid tun, wenn man auf ihren Hintern schaut. Die Arme!

Was ist hingegen, wenn die Presse diesen Artikel von einen erotisch unkorrigierten Mann schreiben ließ? In dem Fall hat die dänische Chefin einen Hintern, den man als Mann besonders gerne sieht, so viel lieber als den der norwegischen, daß man ihr dafür manch Unschönes vom anderen Rumpfende verzeiht. Dasselbe gälte für eine erotisch android korrigierte Frau als Autorin. Andererseits, – es fällt einem immer noch eine andere Seite der Betrachtung ein – eine erotisch realitätsorientierte Frau könnte von der rivalisierenden Mißgunst absehen und die identifikatorische Pose einnehmen, was auf das gleiche adjektivierende Bestimmen der Hinternbesitzerin ihrer Partei hinausläuft wie von einem assertiv heterophilen Autor.

Es läßt mir keine Ruhe. Was, wenn es um ganz und gar nicht geschlechterdiverse Dimensionen geht in der Zuschreibung von Rechtspopulismus? Es kann sein, daß die Presse die Pia einmal interviewt hat, und sich jetzt genieren würde, sie rechtspopulistisch zu titulieren, weil man damals den Rechtspopulismus nicht so recht rechtspopulistisch herausgestellt hat, sodaß es diesmal als linkspopulistische linke Tour einer opportunistischen Kehrtwende aussähe.

So tragische Komplikationen wie eine Verbindung der ÖVP mit der Pia ihrer Partei will ich mir gar nicht ausmalen. Da drohte mittepopulistische Politikverdrossenheit, da kann man ja gleich auf Kreuzzug gehen und St rache folgen (die Schreibweise ist ein linkspopulistisches Zitat aus den Kommentaren im Standard von Gestern).

Lechts und Rinks, Mechts und Grinks, Grechts und Minks, Uben und Onten, wenn das so weitergeht, dreht sich mir alles. Andererseits, integrativ gesehen, wir da unten, die da oben, das erhält sowohl die Schwerkraft als auch die Aufrichtung, und hinter uns der gähnende Abgrund verdeutlicht, daß es nur vorwärts gehen kann. Hauptsache, wir wählen weder FPÖ noch BZÖ und ergehen uns nicht in den süchtigmachenden EU-Skeptizismus, der nur bei den Neo-Nazis enden kann. Tragischer wäre nur Antifeminismus, der heißt nämlich Frauenhass und stiftet zu Terrorattentaten an, jedenfalls wenn man genetisch blond und blauäugig vorbelastet ist, wie sowohl Emma als auch die avantgardistische Seite, die dem Standard den Rücken frei hält, diagnostiziert haben.

Insofern ist Präventivhaft erst angesagt, wenn man aus chefinnengeführten Parteien wieder austritt.

Eine Frage ans Universum hätte ich noch: Was soll man machen, wenn man derselben Meinung wie die Pia ist, weil Opportunismus gegenüber den Linkspopulisten, die auf Rechtspopulisten hetzen, der allerschlimmste Populismus ist, nämlich der mit den Regimekonformisten, die ihre Aufgabe der Regimekritik ins Gegenteil verkehren?

Aber jetzt! Jetzt hab’ ich’s zu guter Letzt kapiert: Genau das haben die Presse-Leute auch verstanden. Populismus ist, dem Volk nach dem Mund zu reden, bloß damit man an die Macht kommt oder sie erhält. Wenn das Volk, das den Fernsehkommentatoren und Zeitungsjournalisten nach dem Mund redet, jetzt überall befindet, die grobe Feindseligkeit der Ausdrucksweise der Rechtspopulisten und Rechtsblogger ist schuld am Terror, dann ist es die populistische Verdoppelung des Populismus der Rechtspopulisten-Chefin, wenn sie sich für den Tonfall entschuldigt. Wenn sich die nächste Rechtspopulisten-Chefin aber erstens nicht entschuldigt und zweitens die Entschuldigung der anderen kritisiert, hat sie damit ein zweifaches Bekenntnis gegen den Populismus abgelegt.

Ergo ist die Pia zwei Grad weniger rechtspopulistisch als die Siv.

Heureka! Ich bin doch nicht so begriffstutzig, wie ich fürchtete.


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