Chinesische Menschlichkeit

Die Zeit schreibt, pathetisch ergriffen, wie es sich Bittstellern um chinesische Milliarden ziemt, unter dem Titel “Yueyues Tod”:

Es war ein ganz normaler Donnerstag. Kein Krieg und keine Ausnahmesituation, einfach nur Alltag. Es war der 13. Oktober. Gegen 17.30 Uhr nahm eine Überwachungskamera in einem Eisenwarenmarkt im südchinesischen Foshan ein Video auf, das China seither nicht mehr loslässt. Da wird ein zweijähriges Mädchen namens Yueyue auf der Straße von einem Lieferwagen überrollt. Und der Fahrer fährt einfach weiter. Das Mädchen liegt in seinem Blut, Passanten gehen jedoch einfach an ihm vorbei. Und noch ein Laster überfährt das Mädchen. Sieben Minuten vergehen, 18 Menschen passieren, einer nach dem anderen, bis endlich eine 57-jährige Müllsammlerin das Kind entdeckt und Hilfe ruft. Doch es war zu spät. Am vergangenen Freitag erlag Yueyue ihren Verletzungen. Ein Land fragt sich nun: Wie um alles in der Welt sind wir zu dem geworden, was wir auf diesem Video sehen?

Was heißt Scheinheiligkeit auf Chinesisch?

Da gab es den Mann, der mitten auf der Straße eine Frau vergewaltigte, beobachtet von einer großen Zuschauerschar. Da waren die Verkehrsunfälle, die eine neugierige Schar anlockten, alle schauten nur, und keiner half. Da war die Frau, die von einem Hochhaus springen wollte, während die Menge unten sie anfeuerte: »Na, spring doch endlich.«

Haben sie den großen Schlächter vergessen, für den eine ganze Generation zu grausamen, selbstgerechten Folterern und Mörder wurde, die ihre eigenen Eltern ans Messer geliefert haben? Haben sie den zynischsten aller Volkstribunen verdrängt?

Haben sie die Massenhinrichtigungen im Stadium vergessen, an denen sie sich delektieren?

Haben sie Tibet vergessen?

Haben sie die Zwangsabtreibungen vergessen?

Was glauben sie denn, daß man ein halbes Jahrhundert Parteidiktatur, Tyrannei, Despotie, Polizeistaat, Zensur, Schauprozesse hinter sich bringen und dann auf Befehl den großen Run zum Reichwerden, jeder gegen jeden, antreten kann und sich dabei Mitgefühl erhalten? Ohne Aufmucken Marionetten, Sklaven, Nutztiere der Herrschaft spielen und gleichzeitig sich noch für irgendetwas oder irgendjemand verantwortlich fühlen außer sich selbst und dem einen Kind, in das man alle Hoffnungen, Erwartungen und allen Ehrgeiz setzt?  Selbst schon ein Einzelkind, dressiert zum gnadenlosen Leistungsprinzip, mit der Verantwortung für die beiden Eltern auf den Schultern, alles ausgetrieben außer der Pflicht zum Erfolg und der Pflicht zum Gehorsam gegenüber Partei und Staat, in dem Individualität ein Verbrechen ist und eine eigene Meinung Hochverrat. Ein Staat, der darauf beruht, daß man kein Mitleid mit dem Nächsten hat, das sich zum Mitleid mit dem Übernächsten ausweiten könnte und weiter bis zum Mitleid mit den Unterdrückten und zur Empörung gegen die Unterdrücker, zum Widerstand gegen das Prinzip der Unterdrückung selbst, zum Schrei nach Freiheit.

Die Mitleidlosigkeit ist nicht nur die Essenz der Gewaltherrschaft sondern auch die des Volksgemüts, das sich ihr fügt, und nicht eine unerklärliche Aberration.

Es gibt welche, die im Internet schreiben: Das Kind sei doch selber schuld, wäre es mal nicht so wackelig gegangen.

Die Stimme der Jugend mit dem Erbe von zwei Generationen systematischer, allumfassender, schrankenloser Zerstörung und Grausamkeit im Namen des Fortschritts.

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