Die neuen Ghaddafiten

Erster Prozess gegen frühere Gaddafi-Anhänger eröffnet

41 Personen wegen “Komplott gegen die Revolution” angeklagt

Bengasi – In Libyen ist am Sonntag der erste Prozess gegen Anhänger des im Vorjahr gestürzten Langzeit-Machthabers Muammar al-Gaddafi eröffnet worden. Die 41 Angeklagten müssen sich vor einem Militärgericht in Benghazi wegen eines Komplotts gegen die “Revolution vom 17. Februar” verantworten. (…)

Die Milizen der früheren Rebellen sehen sich derzeit vermehrt Vorwürfen von Menschenrechtsgruppen ausgesetzt, in Dutzenden über das Land verteilten geheimen Gefängnissen tausende Anhänger Gaddafis illegalerweise festzuhalten, zu foltern und zu töten. Die Übergangsregierung versprach am Donnerstag, den Vorwürfen nachzugehen. (APA) (Standard, 5. 2. 2012)

Wir genossen es, daß die Zeitungen vom arabischen Frühling sprachen, von den Demokraten, die gegen den Diktator aufstehen. Mein Gott, wie erhebend ist die Revolution, jedenfalls von weitem. Jeder hier konnte sich auf der Seite der Revolutionäre einordnen und selber ein kleiner Held der Geschichte sein. Und die Journalisten und die Politiker haben im Nu so geredet, als wären sie immer schon für die Revolution gewesen und gegen den brutalen Tyrannen.

Wir alle sind gegen Geheimgefängnisse, illegales Festhalten und selbstredend apodiktisch gegen Folter und Mord. Gegen all die Schandtaten der Schurken an der Macht.

Müssen es uns diese Objekte unseres revolutionären Pathos jetzt so einen Strich durch die Rechnung machen? Müssen sie sich als die gleichen Schweine erweisen wie diejenigen, die sie bekämpft und besiegt haben, oder jedenfalls mit ausländischer Bombardierung nicht gegen sie verloren?

Wer wundert sich, wenn er doch mitgekriegt hat, daß sie Ghaddafi erst festgenommen und dann ohne Anklage, Prozeß und – sowieso feststehendes – Todesurteil niedergeschossen haben! Wir haben aber doch ein bißchen gehofft, das Erschießen des Gefangenen wäre aus der Situation erklärbar gewesen. Wenn man endlich den hat, der einem all die Jahrzehnte derartig Gemeines angetan hat, dann kann man sich kaum halten und nimmt triumphierend blanke, blutige Rache.

Aber nein, wie so oft sind die sogenannten Revolutionäre nur die gleichen oder noch ärgeren Schurken wie diejenigen, die vor ihnen an der Macht waren. Mörder, Folterer, Räuber, blutrünstige Rächer.

Ein Prozeß für die Verlierer im Bürgerkrieg? Wie bitte, hätten sie kampflos aufgeben sollen, weil die Aufständischen die Guten waren? Oder weil sie sowieso verlieren würden? Man muß ihnen ebenso zugestehen, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen für das gekämpft haben, was sie für richtig hielten, wie den späteren Siegern. Genauso gut könnte man sämtliche westliche und östliche Politiker jetzt in Schauprozessen vorführen, die bis zum Ausbruch der Aufstände oder bis zu dem Zeitpunkt, wo es so aussah, als würden die Aufständischen eine gute Chance auf den Sieg haben, das Gaddafi-Regime politisch und militärisch und wirtschaftlich unterstützt haben.

Unschlagbar aber ist der Zynismus der neuen Machthaber:

Die Übergangsregierung versprach am Donnerstag, den Vorwürfen nachzugehen.

Andererseits, was hätten sie antworten sollen? Die Wahrheit sagen und ihren Terror verteidigen? Auf Amerika verweisen, wo das selbe üblich war und noch immer ist? Terrorismusverdächtige darf man geheim und rechtlos inhaftieren, foltern und ermorden lassen, wozu gibt es schließlich Geheimdienste, nicht? Sogar Atomwissenschaftler darf man mit Autobomben in die Luft sprengen, und kein Politiker, kein Menschenrechtsaktivist und schon gar kein Journalist findet es der Mühe wert, einen Skandal draus zu machen, wenn die Täter zu den Guten gehören und die Opfer zu den Bösen.

Wer gut ist und wer böse ist, ist gottseidank offensichtlich, die Atommächte sind das eine, die anderen sind das andere. Gesetzt der Fall, sie maßen sich an, ebenfalls Atommächte zu werden, sind sie nicht nur böse, sondern auszulöschen, diese Kameltreiber! Jedenfalls, wenn sie so klein sind, daß das Auslöschen den Guten nicht zu viel Geld und Militärbegräbnisse kostet.

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