Alte Frauen verstümmeln junge

Wo sind wir? Im Land der blinden Männer. Gottseidank haben die Frauen aber Augen. Andererseits ist das auch ein genderspezifischer Fluch, denn:

Sie sehen ihre Kinder sterben – an Hunger, Durst, Malaria.

Wie wenn das nicht genug tragische Geschlechterungleichheit wäre, haben die Männer dort die Opfergene outgeknockt, sodaß der nächste Genderfluch die Frauen trifft, denen das Augenschicksal erspart bleibt:

Andere fallen Anschlägen zum Opfer.

Als Fazit ergibt sich die unhaltbare Benachteiligungslage:

Frauen in Somalia müssen täglich mit Gewalt und Tod zurechtkommen.

Wen wundert es unter solchen Umständen, daß Frau Hanan Ibrahim beschlossen hat, ihnen zu helfen.

Die Situation der somalischen Frauen bricht mir das Herz. Sie haben keinen Zugang zu gesundheitlicher Betreuung. Die Armut ist sehr groß. Es gibt nichts, es fehlt an allem.

Es komme mir ja keiner mit der reaktionären Frage, warum ihr nur das Schicksal der Frauen das Herz bricht. Das, lieber Leser, ist nämlich für jeden denkenden Menschen von vornherein klar:

Schlussendlich sind es die Männer, die die Waffen tragen. Die Frauen wollen den Frieden.

Immer schon. Von alters her. Je älter, desto dringlicher. Und der Frieden beginnt in der Familie. Schon in der Ehe. Es fängt an mit der Eifersucht, aus der Mord und Totschlag kommen. Deswegen gibt es in Somalia ein traditionelles Friedensprojekt der Großmütter und Mütter, die Genitlverstümmelung der Mädchen. Die tiefe Weisheit, die ihm zugrundeliegt, besagt, wenn die unverheirateten Mädchen keine Lust am Geschlechtsverkehr empfinden können, haben sie auch kein leidenschaftliches Interesse, einen Ehemann zu verführen. Genauso bei den schon verheirateten Frauen. Wozu sollte sie sich den Nachbarn aufreißen, wenn sie bestenfalls in den Genuß von Geschenken und zu einem höheren Selbstwertgefühl dadurch käme, aber unter der Angst vor der Eifersucht ihres Ehemannes und seiner Ehefrau litte?

Es ist das kulturelle Unverständnis der Journalistin, daß sie die Frauenhelferin mit Fragen quält, die hart an der Grenze zur Frauenfeindlichkeit liegen. Die auf jeden Fall die Solidarität der Frauengenerationen untereinander gefährden.

Inwiefern spielt die weibliche Genitalverstümmelung im Alltag eine Rolle?

Das ist ein schwieriges Thema, weil es sich um ein kulturelles Problem handelt. Es hat nichts mit Religion zu tun, es ist mehr eine geistige Einstellung. Die Leute tun es, weil es von ihnen erwartet wird. Da wird auch viel kultureller Druck, vor allem von älteren Menschen ausgeübt.

Aber die Mütter wissen doch, was sie ihren Kindern antun. Warum schützen sie ihre Töchter nicht?

Weil es eine weitverbreitete Haltung ist. Die Leute glauben, dass es eine Schande ist, wenn sie das nicht mit ihren Mädchen machen lassen. Sie haben Angst vor schlechter Nachrede, auch davor, dass sie ihre Töchter sonst nicht verheiraten können. Es ist schlimm, was sich die Leute einbilden. Aber so tut es halt jeder. Deswegen muss auch die Wahrnehmung der Somalier verändert werden. Es passiert ja ganz oft, dass die Mädchen bei der Genitalverstümmelung sterben. Sie verbluten, weil sie unter den schlechtesten Bedingungen durchgeführt wird.

Wer führt sie durch?

Es sind alte Frauen, die das machen.

Alte Frauen verstümmeln junge?

Sehen Sie, das ist das Problem. Es ist eine kulturelle Sache, die keiner Logik folgt. Es gibt ja auch viele Ehemänner, die das alles gar nicht wollen. Es sind die Mütter, die das in die Wege leiten.

Und wie soll das in Zukunft verhindert werden?

Man muss die Leute aufklären. In die Schulen gehen, mit den Lehrern und Eltern reden, aber vor allem mit den Frauen.

Immerhin läßt sich Hanan nicht zu einer Diffamierung der Verstümmlerinnen bewegen. Sie ist auch diplomatisch genug, eine Logik des Brauchs in Abrede zu stellen. Oder sich dazu provozieren zu lassen, gar das familiäre und kulturelle Matriarchat zu kritisieren, in dem die Väter gegenüber der Allianz von Müttern und Großmüttern ohnmächtig sind.

Das wäre auch eine Häme gegenüber den wirklichen Leiden der weiblichen Opfer, der unter dem Terror:

Die al-Shabaab terrorisieren ja auch die Frauen. Sie sagen, was wir anzuziehen haben. Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese Kleidung (Niqab, Anm.) gerne trägt. Aber wir tun es aus Angst. Weil du dein Haus sonst nicht verlassen kannst. Sie kidnappen dich sonst.

Daher ist die frohe Botschaft zur Durchsetzung des Frauenrechts auf Minirock, Hot Pants und Dekolltee:

Die Afrikanische Union versucht jetzt die al-Shabaab (islamistische Terroristen, Anm.) aus dem Land zu treiben.

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Zitate aus: Hanan Ibrahim: “Wir tragen den Schleier aus Angst” (Die Presse, 18. 2. 2012)

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