Der Spiegel hetzt gegen die Meinungsfreiheit

Wie kann man 2012 noch immer gegen den Strom schwimmen? Wozu bemühen sich seit gut 10 Jahren die Fernsehsender und die Zeitungen damit ab, die Bevölkerung aufzuklären, wo es langgeht? Können sich die Leute nicht daran erinnern, was Eva Hermann blühte, und wie es Sarrazin erging? Haben die Leute noch immer nicht kapiert, daß die Meinungsfreiheit ein Relikt der sentimentalen demokratischen Illusion der Nachkriegszeit darstellt, jedenfalls in Deutschland? Nur weil die DDR samt Stasi nicht mehr existiert, ist das noch lange kein Freibrief, in aller Öffentlichkeit unfortschrittliche Ideen zu äußern!

Was heißt, in Deutschland, in Europa, darum geht es. Wir haben einen Wertekonsens, nicht? Also, und Konsens heißt auf Deutsch Übereinstimmung. Wertedissens ist antieuropäisch, das ergibt sich doch zwingend daraus. Antideutsch sowieso. Wir sind ja nicht in Amerika, wo sie so einen fundamentalistischen Kult mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung treiben, daß sich keiner was Böses dabei denkt, wenn Politiker und andere öffentliche Figuren auch heute noch zugeben, daß sie gegen die Abtreibung sind, obwohl sie seit 1973 gesetzlich erlaubt ist. Da sind wir ganz anders. Wenn die Herrschaften im Parlament was beschlossen haben, ist Schluß der Debatte. Die Mehrheit entscheidet, was man sagen darf, das ist Demokratie, wie wir sie kennen. Die Mehrheit im Parlament, die Mehrheit in den Redaktionen, die Mehrheit in den Kommissionen. Meinungsäußerung soll schließlich nicht zum Selbstzweck werden. Drei Wochen oder drei Monate öffentlich diskutieren ist genug, dann wird ein Gesetz beschlossen wie geplant, und wozu dann noch anderer Meinung sein? Es hilft ja doch nichts und verunsichert die Menschen da draußen bloß. Am Ende verlieren sie noch die Orientierung und wissen nicht mehr, was sie denken sollen. Von wo es nicht weit ist bis zum Zweifel an der Autorität von Politik, Staat und Presse. Und dann kommt ein Führer, ein Weltkrieg, eine Shoa und ein eiserner Vorhang. Das ist doch klar. Dissens ist Brandstiftung.

Der Spiegel, unerschrockener Kämpfer gegen das zersetzende Gift der abweichenden Meinung, bringt die Disziplinierung beredt zur schäumenden Vollendung, die Frank Plasberg immer so unnachahmlich pädagogisch vorexerziert:

Langsam nervt’s. Wie kann man sich nur ernsthaft in eine Talkshow setzen, um dort Schwulen und Lesben die gleichen Rechte abzusprechen, die Heterosexuelle ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen? Wie kann man sich nur erdreisten, die homosexuelle zu einer Lebenspartnerschaft zweiter Klasse herabzuwürdigen? Wie kann denn 2012 noch ernsthaft darüber diskutiert werden, ob gleichgeschlechtliche Paare auch Kinder adoptieren dürfen? Wer tut sowas? Wer sind diese Leute?

Martin Lohmann und Birgit Kelle, beides erzkatholische Publizisten und CDU-Mitglieder, tun sowas und trauen sich, gegen den Strom oder, wie Lohmann sagen würde, den “homosexuellen Hype” anzuschwimmen. Lohmann ist Chefredakteur des vatikantreuen Spartensenders K-TV, allen Ernstes “Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem” und argumentiert entsprechend theologisch – übrigens erst, nachdem ihm Plasberg in einer sehenswert aggressiven Szene die Spickzettel förmlich entreißen musste, auf denen er sich Argumente, Zahlen und Studien notiert hatte.


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