Für die gewaltfreie Selbstzensur Europas

Gewisse Dinge sagt man nicht. Aus, Schluß, basta! Darauf beruht die Zivilisation.

Das ist humanitär. Niemand hat das Recht, etwas zu sagen, was einem anderen nicht recht ist. Das ist demokratisch. Wenn sich die Verantwortungsträger der Welt endlich darauf einigen könnten, wären wir an der Schwelle zum gewaltfreien Zeitalter.

Es bräuchte ein bißchen Mut zum Engagement auf der Seite des Gesetzgebers, und der Weltfrieden wäre in greifbare Nähe gerückt. Mit ein wenig Rücksicht auf die Gefühle der Mitmenschen läßt sich fast jeder Konflikt vermeiden.

Einen lobenswerten Vorstoß hat die New Yorker Schulbehörde gemacht. Leider ist die Bevölkerung noch nicht aufgeklärt genug, das Prinzip der gewaltlosen Zensur zu begreifen. Dabei ging es nur um 50 Wörter, die in Schultests nicht vorkommen sollten, damit sich kein Schüler in seinen Gefühlen verletzt erklären kann. Die gewaltfreie Kommunikation in der Schule wird nicht als die Chance erkannt, die sie darstellt.

Das ist tragisch. Wie lange noch sollen junge Menschen unnötig leiden, weil man ihnen Begriffe zumutet, die sie emotional aufwühlen oder gar kränken könnten?

Sex, Krieg und Blutvergießen, Halloween, Dinosaurier und Geburtstagsfeiern, Scheidung oder Krankheit, Haus mit Swimmingpool und teure Geschenke, Armut, Missbrauch, Katastrophen und Alkohol, Rock’n’Roll und Rap – es ist doch einleuchtend, daß Schüler damit nicht konfrontiert werden sollten, schon gar nicht im Prüfungsstreß! So schnell schaut man nämlich gar nicht, und eine Psyche ist traumatisiert.

Aber auch Erwachsene muß man vor Ideen und Gedanken schützen, die bei ihnen innere Konflikte auslösen könnten. Eigenartiger Weise hat sich das nicht einmal in Deutschland noch unter allen herumgesprochen, die ihre Meinungen der Öffentlichkeit zumuten. So hat Günther Grass zum Entsetzen aller verantwortungsbewußten Stimmen es tatsächlich gewagt, Israel in einem Gedicht für eine Zeitung zu kritisieren.

Ich stehe nicht an, dazu zu stehen, daß ich es nicht gelesen habe. Man muß sich nicht alles antun. Es reicht, im Spiegel davon erfahren zu müssen, daß er Israel als Gefahr für den Frieden im Nahen Osten hingestellt und dieses – ja, man wird es auch einmal pathetisch ausdrücken müssen – heilige Land noch dazu mit dem Iran, diesem Refugium der abartigen Demagogen und ihrer menschenverachtenden Tyrannei und atomaren Kriegslüsternheit zu kontrastieren.

Damit stellt er sich außerhalb des Konsens der Zivilisation. Ob das Altersstarrsinn ist oder Publicityheischen, braucht uns nicht zu interessieren. Was allein zählt, ist die Infamie!

Und genau deswegen, daß solche Unaussprechlichkeiten ihren zersetzenden Einfluß auf das zarte Pflänzchen des humanitären Geistes in Hinkunft gar nicht erst als giftigen Samen säen können – man weiß gerade in Deutschland, wohin das führt – plädiere ich für einen couragierten Diskurs über die Einführung einer verpflichtenden Selbstzensur der Presse und der übrigen Medien, der sich am Ethos der Gewaltlosigkeit orientiert.

Die semantische Gewalt ist der Beginn allen geschichtlichen Übels, lautet die erste Lektion, die jeder aufgeklärte Bürger zur Kenntnis zu nehmen hat, will er Teil einer liberalen, offenen und wahrhaft demokratischen Gesellschaft bleiben. Es darf keine Toleranz für Intoleranz geben!

Man tut gut daran, keine falsche Rücksicht auf sogenannte Dichter – und seien sie auch Nobelpreisträger – zu nehmen. Jeder ist an seinen Vorurteilen selbst schuld, und niemand ist von seiner Verantwortung freizusprechen. Und Herr Grass war sich sehr wohl und sehr genau dessen bewußt, daß man als Deutscher Israel nicht zu kritisieren hat, genauso wie jeder auch nicht so Hochgebildete weiß, daß man die USA nicht kritisiert, ohne die überhaupt kein freies Wort in Deutschland möglich geworden wäre. Wenn es nun darum geht, daß diese beiden Staaten einen Krieg gegen den Iran vorzubereiten scheinen, ist doppelte Selbstdisziplin in öffentlichen Äußerungen zu halten. Das ist nicht nur selbstverständliche Moral, sondern von dieser zivilgesellschaftlichen Bürgerpflicht enthebt auch das Mäntelchen des Literaten keinen.

Ich hoffe, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen in der Causa Grass. Der Schriftstellerverband und vor allem das Nobelpreiskommittee werden ihre humanitäre Gesinnung unter Beweis zu stellen haben, um den Schaden für das Image Deutschlands und Europas zu begrenzen!

Ebenso zu hoffen ist, daß sich die europäischen Schulbehörden ein Beispiel an den amerikanischen nehmen und ihrerseits schwarze Listen für den Schulgebrauch herausgeben, auf denen die für ein gewaltfreies Miteinander in der Schule gefährlichsten Begriffe und Redewendungen verzeichnet sind. Auch wenn die Eltern oder gar die Lehrer eine zeitlang brauchen sollten, um den sozialen Wandel zur kommunikativen Gewaltlosigkeit mitzuvollziehen.


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